Einführung - Schadenbeispiele
Es ist eine Binsenweisheit, daß in der heutigen Zeit in allen Bereichen der
Wirtschaft, des Handels, des Verkehrs, der Forschung etc. ein funktionierendes
Zusammenspiel ohne den Einsatz von EDV nicht mehr möglich ist. Computer
bestimmen unser Leben, sei es am Arbeitsplatz, im Auto und selbst im familiären
Umfeld. Mittlerweile steht in jedem zweiten Haushalt ein PC, der mehr oder
weniger sinnvoll zu Spielzwecken oder als Schreibmaschine mit Speicher und
vielleicht zum Erfassen der familiären Haushaltslage eingesetzt wird.
In dem Maße, wie sich die Einsatzmöglichkeiten der EDV verbreitern und
spezialisieren, beginnt auch die Abhängigkeit der Wirtschaft und der übrigen
EDV-Benutzer ("User") zu wachsen. Wenn die komplette Software eines
Bankhauses ausfallen würde, könnte das Institut nach 2 Tagen seine Schalter
schließen und den Bankbetrieb einstellen. Der wirtschaftliche Zusammenbruch
wäre unvermeidlich. Ein gleiches Bild ergäbe sich bei Versicherungsunternehmen
und überhaupt im gesamten Dienstleistungsbereich. Der Verkehr bräche zusammen,
weil computergesteuerte Ampelanlagen ausfielen, kurz, die materielle
Schadenshöhe wäre unermeßlich.
Daß dies jedoch bislang auf Einzelfälle beschränkt blieb, wie z. B. im
Fall eines Berliner Bankhauses, dem nach einer Umstellung der Software und damit
verbundener finanzieller Benachteiligung von Kunden sogar aufsichtsrechtliche
Schritte drohten, ist dem hohen Sicherheitsstandard der EDV und der hohen
Professionalität der EDV-Entwickler zu verdanken. Absolut erstes Gebot ist die
Hinterlegung von Sicherheitskopien der Software, die eingesetzt werden, wenn das
Standardsystem versagt. Ebenso unerläßlich ist der tägliche Backup zur
Sicherung des Tagesstandes.
Spricht man von spektakulären EDV-Schäden, fallen einem sofort folgende
Millionenschäden ein:
- Die Objektiv-Linsen der Weltraumsonde "Hubble" wichen nach einem
computergesteuerten Schliff um einige zehntel Millimeter von der optimalen
Krümmung ab. Der Fehler lag in der Programmierung der Schleifmaschine. Das
Teleskop war daher nach dem Start in den Weltraum nur sehr eingeschränkt zu
gebrauchen, lieferte zum großen Teil unscharfe Bilder. Ihm mußte in einer
Rettungsaktion, die Unsummen verschlang, im Weltraum eine 'Brille' verpaßt
werden, um die optimale scharfe Leistung wiederzugewinnen. Nur so konnte der
Erfolg des gesamten Systems noch gerettet werden.
- Der neue Flughafen von Denver/Colorado konnte über 1 Jahr nicht in Dienst
gestellt werden, da die computergesteuerte Gepäckverteilungsanlage nicht
funktionierte. Auch hier lag der Fehler in der Software. Der Schaden wird
auf 1 Milliarde US-Dollar geschätzt. Ein ähnliches Schicksal hat beinahe
dem neu installierten Terminal 2 des Frankfurter Flughafens gedroht; der
Fehler konnte jedoch nach einigen Anfangsschwierigkeiten beseitigt werden.
- Bei der Programmierung der Daten für die Umlaufbahn des Satelliten
"Mariner" hatte ein Programmierer Punkt und Komma verwechselt. Der
Satellit kam deswegen aus der vorbestimmten Bahn ab und war für die
vorgesehenen Zwecke nicht mehr zu gebrauchen.
- Aufgrund eines Softwarefehlers war in den USA ein Bestrahlungsgerät
"Therac 25" in einen Zustand geraten, in dem erheblich zu hohe
Strahlungsdosen an die Patienten abgegeben wurden. Ergebnis der fehlerhaften
medizinischen Behandlung waren mehrere Tote und massive Verbrennungen bei
den übrigen Patienten.
- Der schwere Reaktorunfall von Kincardine, Provinz Ontario, Kanada, war
1990 ebenfalls durch einen Softwarefehler hervorgerufen worden. Beim
Austausch eines abgebrannten Brennelementes geriet die computergesteuerte
Umlademaschine in einen unkontrollierten Zustand. Als sie sich 40 cm über
dem Schachtdeckel befand, wurden durch einen falschen Befehl im Code des
Computers, der die Umlademaschine kontrollierte, zugleich alle 4 Bremsen des
Hebezuges gelöst und das schwere Gerät fiel auf die Schachtabdeckung. Die
Folge war der Austritt von 12.000 I hochradioaktivem schweren Wasser aus dem
Leck, das in den Brennstoffbehälter geschlagen worden war.
- 1960 löste in der US-Frühwarnstation in Thule, Grönland der aufgehende
Mond höchste Alarmstufe aus. Durch einen Computerfehler wurde der
Mondaufgang als "Nuklearangriff" gewertet. Ähnliche Fehler waren
in der Folgezeit des öfteren die Ursache für die Menschheit bedrohende
Fehlalarme (in einem Fall wurden Wildgänse als einfliegende Formationen von
Atomsprengköpfen mißdeutet).
- Anfang 1990 versagten kurz hintereinander 114 Vermittlungsrechner des
Telekom- Konzerns AT & T in den USA. Während 9 Stunden am 15.1.1990
konnten 65 Millionen Ferngespräche nicht vermittelt werden. Es entstand ein
Verlust von ca. 60 Millionen US-Dollar, nicht eingerechnet der
Image-Schaden, der bei den privaten US-Anbietern sicherlich noch wesentlich
höher zu Buche schlug.
Letztlich soll noch auf die Bedrohung durch Computerviren für alle Programme
hingewiesen werden, die in vernetzten Systemen eingesetzt werden bzw. wo Kopien
ohne den Einsatz von Viren-Scannern von Programmen gezogen werden. In Israel
hatte der Virus "Freitag, der 13." im Jahr 1987 zugeschlagen. Alle an
diesem Tag gestarteten Programme, die mit diesem Virus infiziert waren, wurden
gelöscht. Es gibt mehrere hundert Viren-Sorten, die auch nur von den jeweils
aktuellsten Anti-Viren-Programmen erkannt werden können.
Diese spektakulären Schäden sind in den allermeisten Fällen nicht
"vom Computer" verursacht, sondern durch menschliches Versagen bei der
Programmierung. Nach Aussagen von Fachleuten enthält ein komplexes
Software-Produkt etwa 1,5 Fehler pro 100 Zeilen. Rund die Hälfte der Fehler
wird der Hersteller nach Testläufen selbst entdecken und beseitigen können.
Dies bedeutet jedoch auch, daß ca. 7 Fehler pro 1.000 Zeilen in der Software
verbleiben, die unter bestimmten Konstellationen zumindest einen mehr oder
weniger schwerwiegenden Fehler des Ergebnisses verursachen können.
Schlimmstenfalls kann dies, wie in den obigen Beispielen geschildert, Schäden
in Größenordnungen von Hunderten von Millionen DM nach sich ziehen. In diesem
Zusammenhang sei auch der Fehler an den Pentium-Prozessoren genannt, der in
seinem Rechenwerk unter bestimmten Konstellationen zu fehlerhaften Ergebnissen
führte. Auch hier war der Image-Verlust größer als die tatsächliche
Auswirkung, da einige Computer-Hersteller diesen Fehler zum Anlaß nahmen, auf
andere Prozessor-Entwickler zurückzugreifen, auch wenn der Fehler in der
nächsten Generation längst behoben worden war.
Aus dem Regulierungsalltag eines Haftpflicht-Versicherers wollen wir noch
folgende Beispiele aufführen:
- Ein Software-Unternehmen hat den Auftrag, die vorhandene Software an die
neue Hardware einer Lottogesellschaft anzupassen. Hierbei kam es zu einer
Fehlprogrammierung, so daß die Datenträgerbänder für den Austausch von
Bankdaten im Verkehr mit den Annahmestellen Überweisungen statt
Lastschrifteinzüge produzierten. Dies bedeutete, daß anstelle von 22 Mio.
Einnahmen an einem Wochenende ein Betrag in gleicher Höhe an die
Lotto-Annahmestellen überwiesen wurde. Der Schaden lag in Zinsverlusten
aufgrund von Kontoüberziehungen, zusätzlicher Zinsen wegen
Tagesgeldaufnahmen und entgangener Guthabenzinsen. Der Versicherer hat
Entschädigungen in Höhe von DM 16.000,-- geleistet.
- Der Versicherungsnehmer ist eine zentrale Gehaltsabrechnungsstelle und
führt im Auftrag von Arbeitgebern Lohn- und Gehaltsabrechnungen durch.
Hierzu gehört auch die Berechnung und Abführung von
Sozialversicherungsbeiträgen. Durch ein Versehen wurde die Beitragstabelle
einer angeschlossenen AOK nicht aktualisiert. Hierdurch wurden zu geringe
Krankenkassenbeiträge in Höhe von DM 20.000,-- an die AOK abgeführt. Für
den Fehlbetrag, der auf die nicht einbringbaren Arbeitnehmeranteile
entfällt, wird das EDV-Unternehmen haftbar gemacht.
- Eine EDV-Firma führte Parameter-Änderungen am Buchhaltungsprogrammstand
der EDV-Anlage eines großen Möbelhandelshauses durch. Hierbei kam es zu
einem Programmierfehler, der dazu führte, daß das Möbelhaus für ein Jahr
zuviel Einfuhr-Umsatzsteuer bezahlte. Hierdurch entstand ein Zinsverlust in
Höhe von DM 32.000,--.
- Ein auf dem Gebiet der Automation tätiges Unternehmen hatte den Auftrag,
eine Hard-/Softwarekonstruktion zu einer Regalanlage zu entwickeln und in
Betrieb zu nehmen. Bei Tests wurde das mobile Lastaufnahmemittel vom
automatischen Palettenumsetzer auf einer Ebene von 3 Metern Höhe in die
falsche Richtung geschickt, fiel aus dem Regal und wurde erheblich
beschädigt. Der Grund lag in einem Software-Fehler des Steuerungsprogramms.
Der Versicherer hat Schadenersatz in Höhe von DM 18.500,-- geleistet.
- Der Versicherungsnehmer installierte bei einem Architekten eine
Baudatenbank. Als er feststellte, daß der vorhandene Speicherplatz nicht
ausreichen würde, löschte er nach Absprache mit Mitarbeitern Daten von der
Festplatte. Hierbei löschte er versehentlich auch ein komprimiertes
Laufwerk, auf dem der gesamte Schriftverkehr und alle Ausschreibungen des
Architekten gespeichert waren. Die Rekonstruktionskosten betrugen DM
11.500,--
PETER
ODENDAHL & CO.
VERSICHERUNGSMAKLERGESELLSCHAFT MBH
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